Nachruf für Simone Veil

von Mechthild von Alemann

 

Ich bin sehr traurig über den Tod von Simone Veil. Zuletzt gesehen habe ich sie 2011 in Brüssel, als sie der Agora vor dem EP ihren Namen gab. Wir hatten uns dort getroffen und uns über die gemeinsame Zeit im Europäischen Parlament unterhalten.

 

 

Ihr Mann Antoine Veil hatte mich eingeladen, sie in Paris zu besuchen, aber ich wollte sie nicht belästigen. Das bereue ich nun. Denn sie hätte sich ganz offensichtlich gefreut, jemand aus der alten Zeit zu sehen.

 

 

Simone Veil habe ich sehr bewundert. Sie hatte unglaubliches Charisma und Ausstrahlung. Ich kannte sie in verschiedenen Funktionen: als unsere EP-Präsidentin, als ich später ELDR Generalsekretärin war und mit ihr als Präsidentin der liberalen Fraktion gemeinsame Aktionen besprach und dann wieder ab 1989 als MdEP, wo wir wieder Kollegen in der liberalen Fraktion waren.

 

Dass sie als Parlamentsneuling im Juni 1979 zur Präsidentin des ersten direkt gewählten Europäischen Parlaments gewählt wurde, hatte sie der Liberalen Fraktion und Martin Bangemann zu verdanken. Martin Bangemann, MdB seit 1973 und delegierter Abgeordneter im nicht direkt gewählten EP, hatte eine Abmachung mit dem damaligen Vorsitzenden der EVP getroffen, dass der erste Präsident im direkt gewählten EP ein Liberaler werden sollte, gewählt mit den Stimmen der EVP und Liberalen.

 

 

Das brachte mich und meinen Kollegen Heinrich Jürgens (Niedersachsen) in Bedrängnis. Für Heinrich Jürgens und mich war selbstverständlich, dass Gaston Thorn, damals Luxemburger Ministerpräsident und Präsident der ELD, in der ich intensiv mitarbeitete, zum EP Präsidenten gewählt werden sollte. Während der Verhandlungen wurde aber von den Franzosen (Senator Jean--Francois Pintat) Simone Veil als Präsidenten-Kandidatin vorgeschlagen und, falls Bangemann das erfolgreich verhandeln könne, wurde ihm der Vorsitz der liberalen Fraktion angetragen. Die Fraktion entschied, dass Simone Veil antreten sollte. Daraufhin wurde sie vorgeschlagen und gewählt. Im Nachhinein war das eine weitreichende sehr positive Entscheidung. Eine Frau als erste Präsidentin des direkt gewählten EP war wegweisend und hat unserem Ruf als emanzipierter Fraktion sehr gut getan.

 

 

Simone Veil war eine großartige Präsidentin des EP und hat uns Liberalen zur Ehre gereicht. Leider konnten wir sie nicht auch für den zweiten Teil der Legislaturperiode durchsetzen, da hatten sich schon die beiden großen Fraktionen zusammengetan und seitdem folgten sich meistens Christdemokraten und Sozialdemokraten (bis auf Pat Cox, der von 2002 bis 2004 präsidierte). Als 1991 Giscard d’Estaing mit drei anderen liberalen Franzosen die Fraktion verließ und zu der EVP wechselte, wusste ich als Stellvertretende Fraktionsvorsitzende zu schätzen, dass sie uns treu blieb.

 

 

Am 29.Januar 1995 durfte ich mit ihr, einigen Parlaments-Kollegen und dem Europäischen Rat der Juden anlässlich des 50jährigen Jahrestags der Befreiung durch die Rote Armee Auschwitz besuchen.  Das war eine überwältigende Erfahrung für mich.  An diesem Ort der Gräuel zusammen mit Überlebenden zu stehen, war ein Erlebnis, das ich niemals vergessen kann. Sie erklärte Details mit ruhiger Stimme und beantwortete Fragen. Der Gedanke, dass die letzten Zeugen nun von uns gehen, ist schrecklich bedrückend. Unsere Generation hat die Verpflichtung, die Erinnerung an vergangene Verbrechen wach zu halten, damit sie nicht wieder geschehen können.

 

 

Zu dieser Zeit gab es wenig weibliche Rollenmodelle für junge Politikerinnen. Für mich war es die erste Begegnung mit einer Politikerin, wie ich sie in Deutschland nicht kennen gelernt hatte: sie ließ sich nicht als Frau in eine Ecke schieben, Feministin oder nicht, sondern war eine große Liberale und Europäerin. Ich habe sie sehr bewundert und sehr gemocht.